«Die Spitex kennen? Das ist eine Illusion»

«Uns, die Spitex, kennt ‘man’ doch», denken viele in der Spitex Tätigen, insbesondere in den leitenden Gremien. Doch für mich ist diese Sicht falsch, eine Illusion. Diese Behauptung ist keine Provokation, sondern Realität.

Wer eine Versicherung abschließen will, weiß sofort, wo er sich schlau machen soll, er hat die Qual der Wahl, kennt die wichtigsten Anbieter je nach Branche. Desgleichen, wenn er irgendein Bankgeschäft tätigen will. Er kennt sogar die Logos, die regionalen Geschäftsstellen, vielleicht gar die Hauptsitze. Auch die für die im Bedarfswahl nötige Spitalpflege kennt er die Häuser und Adressen, sogar die in Frage stehenden Pflege- und Altersheime kennt er nach Namen und Standort. Und er weiß, was er von all diesen Stellen je nach Anliegen ungefähr zu erwarten hat. Wüsste er auch, mit welchen Anliegen er bei der Spitex richtig läge? Würde er die (unterschiedlichsten) konkreten Angebote der Spitex im Bedarfsfall kennen? Wüsste er spontan, wohin, an welche Adresse, an wen er sich mit seinen Anliegen wenden sollte?

Ich wüsste nicht, an wen ich mich mit meinem Anliegen wenden müsste.

Ferdinand Notter

Ich wüsste es nicht und müsste mich erst auf die Suche machen. Diese Behauptung, die nicht als Provokation gedacht ist, sondern offen eingestandener Realität entspricht, dürfte bei den meisten in der Spitex Tätigen, insbesondere in den leitenden Gremien ungläubiges Erstaunen auslösen. Wer Tag für Tag mit lebhaftem Engagement und emsigem Bienenfleiß, oft gar mit einem Schuss Selbstlosigkeit im verzweigten Aktionsfeld einer Spitex seine (unbestrit­ten wertvolle) Arbeit leistet, der ist innerlich überzeugt: Uns, die Spitex, kennt «man» doch. Wir haben soviel anerkennende Rückmeldungen, wir sind anerkannt, «die Leute» erkennen, was wir Besonderes leisten.

Indes, wie oben behauptet: Für mich ist diese Sicht falsch, eine Illusion. Was sind, aus dieser Sicht betrachtet, die Gründe dafür? Es ist die (den aktuell herrschenden gesellschaftlichen Normen adäquate) Heterogenität der Spitex-Organisation, die es dem Außenstehenden nicht erlaubt, eine wie auch immer geartete Beziehung aufzunehmen. Ein Spital, eine Bank, ein Altersheim bietet ihm diese Option der allgemeinen Bezugnahme allein schon durch die visuelle Gegenwart in Form werberischer Maßnahmen oder bloß von (häufig nicht zu übersehenden) Gebäulichkeiten; und um diese herum bilden sich laufend in der Öffentlichkeit diskutierte Aktualitäten, wie Bauprojekte, Renovationen, den Steuerzahler bela­stende Ausgaben oder auch nur schon Auseinandersetzungen über Kostenüberschreitungen, Fehlentscheide, größere oder kleinere Skandälchen. Es gibt bekannte CEO, umstrittene Direk­toren, unbeliebte Heimleiter, die alle in der öffentlichen Wahrnehmung über vielfältige Medien den Bezug zu der dahinter steckenden Institution wachhalten.

Die Spitex hat das Grundbedürfnis, anerkannt, akzeptiert und geliebt zu werden.

Ferdinand Notter

All dies hat die Spitex nicht. Sie will es wohl auch nicht, jedenfalls nicht in allen Belangen. Und doch hat sie zweifellos, wie alle Menschen (nicht nur die hinter der Spitex stehenden), das Grundbedürfnis, anerkannt, akzeptiert und geliebt zu werden. Was ich anerkennen, allenfalls  lieben soll, muss ich erkennen, kennen. Dass einem die Spitex in dieser Weise nahe stünde, hätte durchaus seinen Nutzen, seine Vorteile, nämlich immer dann, wenn, vielleicht unverhofft, der Fall eintritt, dass ihre Dienstleistungen willkommen sind. Das ist die Sicht von außen, und es immer gut diese Sicht von außen selber einzunehmen, wenn man herauszufinden versucht, wie man von außen wahrgenommen wird, welches Bild die andern von einem haben. Diese beiden Sichtweisen sind nie deckungsgleich. Das gilt sowohl für den einzelnen Menschen, als auch für ein Unternehmen. Zum Beispiel die Spitex.

Will also die Spitex in einer bestimmten Weise in der Öffentlichkeit wahrgenommen und entsprechend anerkannt werden, Zu einer Lobby kommen, muss sie dafür selber etwas unternehmen. Die eBikes oder Autos von Mitarbeitenden beschriften, reicht da bei weitem nicht. Vor allem in der heutigen Zeit ist «Klotzen statt Kleckern» angesagt, wie eine Devise in der Kommunikationsbranche lautet. Weiterhelfen können auch keine billigen Maßnahmen, Auftritte mit hohlen Inhalten; nur ehrliches, aus der eigenen Unternehmensseele heraus erwachsenes, gut geplantes Auftreten bürgt für nachhaltige Aufmerksamkeit. A propos Kommunikationsbranche: Ohne fachliche Unterstützung wird es nicht gehen.


Das ist ein Beitrag einer Gastbloggerin bzw. eines Gastbloggers. Die hier geäusserte Meinung ist jene der Autorin bzw. des Autors.


Ferdinand Notter ist seit 2003 Rentner, Suchender im Nebenfach und könnte vom Alter her Spitex-Kunde sein, ist es aber, zu seinem Glück, noch nicht. Er lebt im Kanton Aargau.

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