«Einen schwulen Patienten kann nur optimal pflegen, wer selber schwul ist»

Die Spitex Goldbrunnen kennt die speziellen Bedürfnisse von Homosexuellen bestens: Seit 2004 ist sie auf Spitex-Dienstleistungen für Homosexuelle spezialisiert. «Gay nursing» nennen die Gründer und Inhaber Christoph Bucher und François Fauchs ihr Angebot. Im Interview erklären sie, warum ihre Dienstleistung so wichtig ist, wie Homosexuelle schwule Pflegefachmänner finden können und wie Spitex-Organisationen am besten mit homosexuellen Kunden umgehen.

Christoph Bucher, Spitex Goldbrunnen

Warum braucht es ein spezielles Spitex-Angebot für Homosexuelle?
Christoph Bucher: Es gibt mehrere Gründe: Ich will nicht verallgemeinern, aber oft sind schwule Pflegebedürftige empfindlicher als heterosexuelle. Diese Empfindlichkeit kommt wahrscheinlich von den vielen verbalen Angriffen, Unterdrückungen oder Stigmatisierungen, die sie in ihrem Leben in einer Minderheit ausgesetzt waren oder sind. Für vor allem ältere Schwule ist es noch heute oft ein grosser Stress, sich bei einem Arzt oder im Spital zu outen. Sie befürchten Diskriminierungen, teilweise leider zu recht. Wir sind auch schwul. Das bedeutet zunächst einfach mal, dass wir und unsere Kunden der gleichen Minderheit angehören. Es gibt ein gewisses Grundverständnis. Ein Kunde muss vor uns kein Doppelleben führen. Das hilft beim Gesundwerden

François Fauchs, Spitex Goldbrunnen

François Fauchs: Wir haben mehr als einmal miterlebt, dass ein Outing zum Ausschluss der Familie geführt hat. Diese Angst, ja dieses Trauma, sitzt gerade bei älteren Schwulen tief. Die Angst kann Vorläufer für weitere Krankheitsbilder wie Depression, Alkohol oder Formen von Sadomasochismus sein. Kommt eine Pflegefachfrau zu einem Schwulen, sieht sie vielleicht erotische Bilder von jungen Männern an den Wänden und weiss nicht, wie sie dies deuten soll. Komme ich als schwuler Pflegefachmann, mache ich allenfalls einen witzigen Spruch über die Bilder, was sofort verstanden wird. Der Zugang ist einfach anders, viel freier.
Christoph Bucher: Mit anderen Worten: Einen schwulen Patienten kann nur optimal pflegen, wer selber schwul ist.

Betreut die Spitex Goldbrunnen auch heterosexuelle Kunden?
Christoph Bucher: Ja, rund 40 Prozent unserer Kundinnen und Kunden sind heterosexuell. Doch der Anteil schwankt. Wir sind eine privatwirtschaftliche Spitex-Organisation. Unser grosses Plus ist, dass bei uns immer die gleichen gut ausgebildeten Leute kommen: nämlich wir beide oder unsere Mitarbeiterin, die übrigens nicht lesbisch ist. Es ist die Kontinuität, die zählt.

Haben Sie auch lesbische Kundinnen?
François Fauchs: Immer mal wieder, ja.

Lassen Lesben schwule Pflegefachleute zu?
François Fauchs: Grundsätzlich ja, denn wir gehören ja der gleichen Minderheit an. Doch es gibt auch lesbische Frauen, die mit Männern so wenig wie möglich zu tun haben wollen. Dort sind selbst wir nicht willkommen.

Gibt es Unterschiede bei der Pflege und Betreuung zwischen heterosexuellen und homosexuellen Patienten?
Christoph Bucher: Nein, es gibt kaum fassbare Unterschiede. Es geht um das Mitgefühl, um das Verstehen. In allen Berufen ist wichtig – und in der Pflege besonders –, dass ich meine Persönlichkeit und meine Lebenserfahrung einbringe. Wenn ich mit der Situation meines Gegenübers vertraut bin, kann ich ihn besser pflegen.

Persönliche Zweiergespräche mit einem sehr labilen Menschen können auch umgedeutet werden.

Christoph Bucher

Ist es wichtig für Sie zu wissen, ob Ihre Kundinnen und Kunden homosexuell sind?
Christoph Bucher: Es ist einfach ein Mosaikstein in einer Lebensgeschichte…
François Fauchs (lacht): …das merke ich sowieso sofort – ich habe da jahrzehntelange Erfahrung!
Christoph Bucher: Meistens warte ich zuerst ab und gebe dem Kunden die Möglichkeit, mich aktiv zu informieren. Wer zu uns kommt, weiss, dass wir Gay Nursing anbieten. Ist es für die Pflege und Betreuung wichtig, spreche ich mein Gegenüber direkt darauf an. Anders verhält es sich beispielsweise bei der ambulanten psychiatrischen Betreuung von Frauen. Da gehe ich oft in die Offensive und kläre sie gleich am Anfang auf. Aus zwei Gründen: Oft haben solche Frauen sexuelle Gewalt von Männern erfahren. Mit meinem Statement vermittle ich, dass von mir diesbezüglich sicher nichts zu erwarten ist. Zudem will ich mich selber schützen. Persönliche Zweiergespräche mit einem sehr labilen Menschen können auch umgedeutet werden. Dem will ich vorbeugen.

Ältere Schwule haben ihr Leben lang ein Doppelleben geführt und führen es immer noch.

François Fauchs

Sie arbeiten in einer engen Nische. Da ist es bestimmt einfach, Kunden zu finden.
François Fauchs: Das könnte man meinen – ist aber nicht so. Ältere Schwule haben ihr Leben lang ein Doppelleben geführt und führen es immer noch. Manchen fällt es schwer, auch gegenüber uns zu ihrem Schwulsein zu stehen. Sie fürchten vielleicht, dass in der Community über sie gesprochen wird. Das ist natürlich Blödsinn. Aber auch darum verkehren wir übrigens nicht mehr in der Szene. Eigenartig ist auch, dass wir kaum Zuweisungen von schwulen Ärzten haben. Unbedingt erwähnen muss ich, dass in den 80er Jahren ganz viele Schwule an HIV oder an den starken Nebenwirkungen der Medikamente gestorben sind. Da gibt es grossen Lücken. Glücklicherweise hat sich die Gesellschaft gewandelt und ist offener geworden. Und es gibt bessere Medikamente.
Christoph Bucher: Ehrlicherweise muss man ergänzen: Es gibt auch Schwule, denen ist nicht so wichtig, dass sie von einem schwulen Pflegefachmann betreut werden

Was empfehlen Sie Homosexuellen, die nicht in Ihrem Einzugsgebiet leben, sich aber von einem schwulen Pflegefachmann pflegen lassen wollen?
François Fauchs: Wer mobil ist, kann zu uns kommen. Beispielsweise betreuen wir auch zwei Kunden aus den Kantonen Schaffhausen und Thurgau. Wenn das nicht möglich ist, würde ich einen schwulen Freiberufler in der Region kontaktieren und nachfragen, was es für Möglichkeiten gibt. Als Minderheit sind wir recht gut vernetzt

Spitex-Organisationen sollten bei der Betreuung von homosexuellen Kundinnen und Kunden zunächst die internen Ressourcen nutzen.

Christoph Bucher

Was empfehlen Sie einer Spitex-Organisation, die homosexuelle Kundinnen oder Kunden hat?
Christoph Bucher: Ich empfehle, zunächst die internen Ressourcen zu nutzen. Vielleicht gibt es in der Organisation eine homosexuelle Pflegefachperson, die helfen kann. Das wäre eine optimale Lösung.
François Fauchs: Ja, das wäre optimal. Es bedingt einfach, dass intern eine wohlwollende Kultur herrscht. Generell ist festzuhalten, dass in der Pflegeausbildung das Thema Homosexualität viel zu wenig Raum bekommt. Hier besteht ein grosser Nachholbedarf

Ich wünsche mir, dass es in allen grösseren Spitex-Organisationen ein Kompetenzzentrum für Homosexuelle gibt.

Christoph Bucher

Zum Schluss: Sie haben einen Wunsch offen!
François Fauchs: Wir haben fast zwanzig Jahre lang die Spitex Goldbrunnen geführt, und ich bin im Pensionsalter. Ich wünsche mir, dass wir unseren
Betrieb bald an einen schwulen Pflegefachmann übergeben können, der das Unternehmen in unserem Sinne weiterführt. Denn dieses Angebot muss unbedingt weiter bestehen bleiben.
Christoph Bucher: Oh – Du denkst aber ein wenig eng…! Ich wünsche mir, dass es in allen grösseren Spitex-Organisationen ein kleines Kompetenzzentrum für Homosexuelle gibt. Wer homosexuell ist, soll gut gepflegt und betreut werden – auch im Alter, auch zu Hause. Und es braucht eine institutionelle Einrichtung, die mindestens eine Abteilung für Homosexuelle hat.
François Fauchs: Nur eine Abteilung? Nein, das wäre nicht gut. Wer nicht homosexuell ist, wird dort nicht leben wollen. Es bräuchte ein ganzes Haus.
Christoph Bucher: Ja, da hast Du recht.


François Fauchs und Christoph Bucher haben 2004 die Spitex Goldbrunnen in der Stadt Zürich gegründet. Das Unternehmen bietet Gay Nursing an, pflegt und betreut aber auch heterosexuelle Menschen.
François Fauchs und Christoph Bucher sind beide diplomierte Pflegefachmänner HF mit langjähriger Berufserfahrung in somatischer und psychiatrischer Krankenpflege. Zudem war François Fauchs jahrelang
Lehrer für Krankenpflege und hat ein IAP-Diplom

Martin Radtke schreibt Beiträge und Geschichten, die er gerne auf mehreren Plattform weitererzählt. Seit Anfang 2014 ist er selbstständiger Kommunikationsberater. Von 2009 bis 2015 war er Mitinhaber und Verwaltungsrat-Vizepräsident einer privaten Spitex-Organisation.

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