«Familienhilfe» erschliesst neue Kundensegmente

Betreuungs- und Unterstützungsleistungen boomen bei der Spitex Region Lenzburg. Das Angebot ist als «Familienhilfe» im Markt positioniert und erschliesst ganz neue Kundensegmente. «Mit der Familienhilfe unterscheiden wir uns im Angebot nicht mehr von einer privaten Spitex Organisation. Wir bieten einen Mehrwert für unsere Klientinnen und Klienten an», sagt Geschäftsleiter Daniel Lukic. Auch beim Geschäftsmodell geht die «Familienhilfe» neue Wege: Die Kirchen subventionieren das Angebot.

Daniel Lukic, Geschäftsleiter Spitex Region Lenzburg

Wie kam es zum Angebot «Familienhilfe»?
Vor etwa drei Jahren stand plötzlich ein Mann hier im Zentrum, der mich unangemeldet sprechen wollte. In der Regel ist das kein gutes Vorzeichen für ein Gespräch. Doch er wollte sich für die Unterstützung bei der Pflege seiner verstorbenen Frau bedanken. Wir hätten einen tollen Job gemacht. Dennoch übte er leise Kritik: Wir hätten uns leider nur um seine Frau gekümmert, aber nicht um ihn. Jetzt stehe er da ohne Frau, ohne Freunde, ohne Hobby. Er habe seine Frau so intensiv pflegen müssen, dass ihm keine Zeit mehr für soziale Kontakte geblieben seien. Dieses Gespräch hat bei mir lange nachgehallt.

Wie ging es weiter?
Kurze Zeit später traf ich die Vertreter der Familienhilfe Lenzburg. Der Verein befand sich in einer Restrukturierung. Wir haben uns zusammengesetzt und gemeinsam eine Auslegeordnung gemacht. Die demografische Entwicklung ist ein Fakt. Es ist auch klar, dass die Gemeinden die enorme finanzielle Last der Restkosten je länger je weniger tragen können. Das ist die finanzielle Seite. Doch die Klienten wollen zusätzliche Unterstützung und Betreuung zu einem erschwinglichen Preis haben. Im engen, regulatorischen Rahmen, in dem sich eine Spitex-Organisation bewegen muss, kann ich das nicht bieten.

Leistungsangebot Familienhilfe Lenzburg
Die Familienhilfe Lenzburg bietet folgende Leistungen an (nicht abschliessend):
– Entlastung von pflegenden Angehörigen
– Unterstützung von Familien
– Begleitung von älteren Menschen
– Komfortleistungen für jedermann

Wie sieht die Lösung aus?
Als Spitex-Organisation müssen wir neue Kundensegmente erschliessen, wenn wir uns längerfristig im Markt behaupten wollen. Darum haben wir das Angebot der Familienhilfe Lenzburg neu ausgerichtet. Mit den Leistungen sprechen wir nicht nur ältere Menschen und pflegende Angehörige an, sondern auch Familien. Organisatorisch ist die Familienhilfe Lenzburg ein eigenständiger Verein geblieben. Doch die Spitex Region Lenzburg ist ihre Geschäftsstelle.

Wie sieht das Finanzierungsmodell aus?
Die katholische Kirchgemeinde Lenzburg und die reformierte Kirchgemeinde Lenzburg-Hendschiken beteiligen sich an den Kosten. So ist es möglich, dass die Leistungen der Familienhilfe ab CHF 21 je Stunde angeboten werden können.

Wer erbringt die Leistungen bei den Klienten?
Unsere Spitex-Mitarbeitenden.

Wie haben sie auf die zusätzlichen Aufgaben reagiert?
Am Anfang waren sie skeptisch. Sie waren unsicher, ob sie mit zwei Stunden Begleitung tatsächlich so viel verdienen, wie wenn sie zwei Stunden Spitex-Leistungen erbringen. Inzwischen schätzen sie diese Art von Job-Enrichment. Sind sie für die Familienhilfe Lenzburg tätig, haben sie viel mehr Zeit für die Klientinnen und Klienten. Für die meisten ist das der Grund, weshalb sie einen Beruf in der Pflege gewählt haben.

Wie funktioniert die Leistungsverrechnung?
Wir erfassen alle Leistungen elektronisch und Ende Monats werden die richtigen Rechnungen ausgedruckt: Jene für die Spitex Region Lenzburg und jene für die Familienhilfe Lenzburg. Ich bin ja für beide Organisationen als Geschäftsleiter verantwortlich. Auch meine Zeit wird entsprechend meiner Tätigkeit verrechnet.

Wie reagiert der Markt auf das Angebot?
Sehr gut. Wir machen das jetzt zwei Jahre und haben unsere Leistungen der Familienhilfe verdreifacht. Unser Angebot hat sich herumgesprochen, wir haben kaum Werbung dafür gemacht. Übrigens hat sich auch die Anzahl der verrechenbaren Stunden für Grundpflege bei der Spitex verbessert: Bei uns hat diese Leistung gegenüber dem Vorjahr deutlich zugenommen. Bei anderen NPO-Spitex-Organisationen im Kanton Aargau ist das eher nicht der Fall.

Warum bieten Sie die Familienhilfe-Leistungen integriert an? Es gäbe ja auch die Möglichkeit von Kooperationen…
Wir sehen im Angebot aus einer Hand viele Vorteile: Es ist für unsere Klienten einfacher, und die Arbeit für unsere Mitarbeitenden ist abwechslungsreicher. Die beiden Segmente «Familienhilfe» und «Spitex» ergänzen sich. Damit werden wir als Unternehmen insgesamt stärker und attraktiver. Aber natürlich kennen wir auch Kooperationen. Beispielsweise kaufen wir Kinder-Spitex-Leistungen ein. Bei der spezialisierten Palliative Care oder der Psychiatrie haben wir eine übergeordnete Rolle und erbringen die Leistungen für andere Spitex-Organisationen.

Welche Familienhilfe-Leistungen werden besonders stark nachgefragt?
Grundsätzlich erbringen wir die Mehrzahl unserer Betreuungsstunden in der Unterstützung von pflegenden Angehörigen und der Entlastung von Familien. Mir war nicht bewusst, wie stark das Bedürfnis nach frisch zubereiteten Mahlzeiten ist. Mit unserem Angebot ist dies für manchen Menschen plötzlich wieder möglich. Das hat uns vor Herausforderungen gestellt. Wir haben intern bei unseren Mitarbeitenden nachgefragt, wer kochen kann und will. Doch hier müssen wir besser werden. Darum bieten wir jetzt intern auch Kochkurse an. Denn nicht alle, die gut kochen können, wissen auch, wie man eine gute Rösti zubereitet. Und das wird gewünscht.

«Hilfe» bedeutet ja fast alles. Gibt es auch Leistungen, die Sie nicht übernehmen?
Im Alltag ist es tatsächlich schwer, eine Grenze zu ziehen. Wir besprechen das intensiv im Vorstand. Ich gebe ein konkretes Beispiel: Bei einem Umzug helfen wir beispielsweise beim Einpacken. Doch wenn Gestelle abmontiert und Möbel transportiert werden sollen, hört unsere Kompetenz auf.

Was für Pläne für die Zukunft gibt es?
Im Sommer kommt der Nachtservice. Dann bieten wir auch eine 24-Stunden-Betreuung an. Bezüglich des Angebots sind wir dann ebenso gut aufgestellt, wie eine private Spitex-Organisation. Eher noch besser. Wir bieten ambulante Dienstleistungen in der Behandlungspflege, der Grundpflege, Hauswirtschaft, der Spezialisierten Palliative Care, der ambulanten Psychiatrie und der Betreuung an.


Daniel Lukic ist seit fünf Jahren Geschäftsleiter der Spitex Region Lenzburg und seit zwei Jahren Geschäftsleiter der Familienhilfe Lenzburg. Die rund 70 Mitarbeitenden der Spitex Region Lenzburg sind in den zehn Vertragsgemeinden unterwegs und leisten jährlich rund 70’000 Einsätze. Die Psychiatrie-Pflege wirkt in 24 Gemeinden, das Palliative-Care-Team leistet Einsätze für neun Spitex-Organisationen in 36 Gemeinden.

Martin Radtke schreibt Beiträge und Geschichten, die er gerne auf mehreren Plattform weitererzählt. Seit Anfang 2014 ist er selbstständiger Kommunikationsberater. Von 2009 bis 2015 war er Mitinhaber und Verwaltungsrat-Vizepräsident einer privaten Spitex-Organisation.

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