Zusammenbringen, was zusammengehört

Das Zürcher Tösstal gliedert Schritt für Schritt die ambulante und stationäre Pflege neu. Im Zweckverband «Pflege und Betreuung Mittleres Tösstal» werden die Dienstleistungen gebündelt. «Das integrierte Angebot ist für die Leistungsbeziehenden ein grosser Gewinn», sagt Erich Pfäffli, Präsident der Spitex Mittleres Tösstal. Der Zweckverband habe garantiert, dass er alle Mitarbeitenden übernehme. «Diese Garantie hat viele beruhigt», erläutert Marcel Niederer, Präsident der Spitex Zell. «Mit rund 180 Mitarbeitenden werden wir zu einem der grössten Arbeitgeber in der Region», sagt Bruno Vollmer, Präsident der Betriebskommission. Damit verbunden sei auch mehr Verantwortung.

Bruno Vollmer, Präsident Betriebskommission Zweckverband «Pflege und Betreuung Mittleres Tösstal»

Im Tösstal kommt es zu Fusionen von Spitex und Pflegezentren. Worum geht es?
Bruno Vollmer: Die Pflegezentren «Lindehus» in Turbenthal und «im Spiegel» in Rikon gibt es schon seit rund dreissig Jahren. Sie werden seit geraumer Zeit gemeinsam geführt. Die Häuser mussten saniert werden. Es folgte eine Neuausrichtung. 2013 wurde mit dem Zweckverband «Pflege und Betreuung Mittleres Tösstal» eine neue, zeitgemässe Organisation geschaffen. In den Statuten haben wir festgehalten, dass stationäre und ambulante Pflege aus einer Hand angeboten werden sollen. Bei der konkreten Umsetzung wurden zunächst die beiden Häuser für insgesamt rund CHF 30 Mio. saniert. Schrittweise werden nun die Spitex-Organisationen Mittleres Tösstal und Zell im Zweckverband zusammengeführt.

Wer steht hinter dieser Zusammenführung?
Vollmer: Es sind die Gemeinden Turbenthal, Wila, Wildberg und Zell. Wir sind gewohnt, eng zusammenzuarbeiten und haben beispielsweise auch das letzte Kantonale Turnfest gemeinsam organisiert. Jede Gemeinde hat ihren eigenen Charakter und ihre eigene Kultur.

Erich Pfäffli, Präsident Spitex Mittleres Tösstal

Die Zusammenführung bedeutet, dass es die Spitex-Organisationen in den bestehenden Strukturen bald nicht mehr geben wird. Was hat das ausgelöst?
Erich Pfäffli: Wir haben das ja schon länger gewusst, haben es aber auch ein bisschen verdrängt. Jetzt wird es konkret. Aber wir sind ja nicht die ersten, die Spitex-Organisationen und Institutionen zusammenführen. Wir profitieren von den Erfahrungen der anderen und konnten in der Kommunikation glaubhaft versichern, dass alle Mitarbeitenden in ihrem angestammten Aufgabengebiet arbeiten werden.

Marcel Niederer, Präsident Spitex Zell

Marcel Niederer: Der Zweckverband hat zugesichert, dass alle Mitarbeitenden übernommen werden. Diese Garantie hat viele beruhigt. Der Zweckverband hätte seine Statuten auch anders umsetzen können.

Wie wirkt sich die Zusammenführung auf die Anzahl Stützpunkte aus?
Niederer: Die Gemeinde Zell besteht aus den fünf Dörfern Kollbrunn, Rikon, Langenhard, Rämismühle und Zell sowie mehreren Aussenwachten. Unser jetziger Stützpunkt ist darum meistens eh am «falschen» Ort. Wir haben darum entschieden, dass wir den Stützpunkt in Zell auflösen und die ambulanten Dienste in Turbenthal zusammenziehen. Turbenthal grenzt an Zell – weniger als fünf Kilometer trennen die Dörfer. Zudem kommen einige Mitarbeitende aus dem Zürcher Oberland. Für sie ist es sogar ein Vorteil, weil der Arbeitsweg etwas kürzer ist. Bezüglich der Wegstrecken tagsüber fällt der Standort des Stützpunkts nicht so ins Gewicht.
Vollmer: Nicht zu vergessen: Im Pflegezentrum «im Spiegel» in Rikon bieten wir neu ein Wundambulatorium an. So bleiben wir auch mit der Spitex nahe bei der Bevölkerung.

Für die Bevölkerung ist ein Wundambulatorium schon nicht das Gleiche wie ein Spitex-Stützpunkt…
Niederer: «Überall für alle» heisst der Spitex-Slogan – und dazu stehen wir! Wir versorgen alle Menschen im Einzugsgebiet, egal wie abgeschieden sie wohnen. Aber «Überall für alle» bedeutet nicht, dass wir in jedem Dorf mit einem eigenen Stützpunkt präsent sein müssen.

Müssen die Mitarbeitenden am Morgen zuerst zum Stützpunkt kommen?
Pfäffli: Bei der Spitex Mittlers Tösstal ist das im Moment noch so, ja. Doch mittelfristig muss man sich überlegen, ob das Sinn macht. Alle haben die notwendigen Informationen mobil verfügbar. Es hat das Projekt übrigens auch erleichtert, dass beide Spitex-Organisationen die gleiche Spitex-Software nutzen. Doch wir müssen einen Schritt nach dem anderen machen.

Zweckverband «Pflege und Betreuung Mittleres Tösstal»
Die vier Gemeinden Wila, Wildberg, Turbenthal und Zell haben den Zweckverband «Pflege und Betreuung Mittleres Tösstal» ins Leben gerufen. Die Gemeinden wahren ihre Interessen über die Delegiertenversammlung. Die Betriebskommission, zusammengesetzt aus Politik und Fachpersonen, führt den Zweckverband strategisch und setzt die Geschäftsleitung ein und überwachen sie. Der Zweckverband ist finanziell unabhängig.

Sie führen zwei Spitex-Organisationen und eine stationäre Institution mit zwei Häusern an verschiedenen Standorten zusammen. Wie gehen Sie vor?
Niederer: Mehrstufig. Im ersten Schritt bringen wir die beiden ambulanten Organisationen zusammen. Die Mitarbeitenden kennen sich, denn wir haben schon vorher zusammengearbeitet: Wir haben gemeinsame Ausbildungen durchgeführt und es gibt einen Zusammenarbeitsvertrag für den Austausch von Personal. Erst nach dem Zusammenführen der ambulanten Organisationen geht es weiter. Wichtig ist: Wir wollen nur zusammenbringen, was tatsächlich zusammengehört. Der ambulante Bereich wird als eigenständiger Bereich in der Geschäftsleitung vertreten sein. Synergien streben wir in der Ausbildung, Qualitätssicherung und Administration an.
Pfäffli: Ja, die gemeinsame Ausbildung ist ganz wichtig. Als Spitex-Organisation sind wir auch verpflichtet, Mitarbeitende bei ihrer höheren Fachausbildung zu unterstützen. Das können wir nur gemeinsam bewerkstelligen.

Welche Betriebsgrösse werden Sie 2020 haben?
Vollmer: Es werden insgesamt über 180 Mitarbeitende sein oder fast 110 Stellen. Mit dieser Grösse werden wir zu den grössten Arbeitgebern im Tösstal gehören. Damit bekommt der Zweckverband in unserer Region auch volkswirtschaftlich eine noch grössere Bedeutung. Damit verbunden ist auch mehr Verantwortung.

Die Vereinsauflösungen bringen es mit sich, dass Sie keine Einnahmen mehr von den Vereinsmitgliedern generieren können. Richtig?
Pfäffli: Darüber haben wir intensiv diskutiert, denn die Beiträge sind für uns wichtig. Wir haben ein Gönnerkonzept erarbeitet. Wir wollen, dass die Bevölkerung den ambulanten Bereich weiterhin unterstützen kann. Die Marke «Spitex» bleibt ja erhalten. Als Gegenleistung bieten wir Einladungen an Veranstaltungen und nach wie vor Vergünstigungen bei der Hauswirtschaft an.

Geht mit der Auflösung der Vereine auch die Ehrenamtlichkeit verloren?
Pfäffli: Ein Verein als Organisationsform ist längst nicht mehr zeitgemäss. Eine Spitex-Organisation muss heute unzählige Vorgaben für Hygiene, Arbeitszeit, fachliche Kompetenzen oder für Aus- und Weiterbildungen einhalten – dafür braucht es absolute Profis. Eine solche Organisation zu führen oder weiterzuentwickeln, kann heute niemand mehr bloss im Ehrenamt und in der Freizeit seriös machen. Die Entwicklung mag zuweilen langsam gehen, aber sie schreitet voran.

Pflegezentren «Lindehus» und «im Spiegel»
Die Pflegezentren «Lindehus» in Turbenthal und «im Spiegel» in Rikon bieten zusammen rund 100 Pflegebetten an. Im Pflegezentrum im Spiegel gibt es zudem eine Demenzabteilung. Beide Häuser wurden für insgesamt CHF 30 Mio. saniert. Bei der Sanierung wurde der Bettenbestand gesenkt. Nur wo es betrieblich Sinn macht, teilen sich die beiden Häuser die Infrastruktur. Etwa bei der Wäscherei.

Die Verantwortlichen im Tösstal haben früh weitsichtig geplant und mit dem Zweckverband eine wichtige Weichenstellung vorgenommen. Was ist der nächste Schritt?
Vollmer: Es gibt noch eine Massnahme in unserem Konzept, die wir bis jetzt zurückgestellt haben: Wir wollen ein Kompetenzzentrum für Alters- und Pflegefragen schaffen. Es soll eine einzige Anlaufstelle für die Bevölkerung mit gebündeltem Fachwissen werden. Auch das wollen wir dann mal angehen.
Pfäffli: Ich will noch tatkräftig mitwirken, bis das Zusammengehen umgesetzt ist. Dann will ich mich langsam zurückziehen und neuen Kräften Platz machen.
Niederer: Ich will mich wieder stärker meinem Unternehmen widmen.

Haben wir noch etwas Wichtiges vergessen, worüber wir noch sprechen müssen?
Pfäffli: Ja, den wichtigsten Aspekt haben wir noch nicht beleuchtet: Das sind unsere Klienten!

Bitte, führen Sie aus!
Pfäffli: Das integrierte oder gemeinsame Angebot ist die Leistungsbeziehenden ein grosser Gewinn. Denn damit wird der Wechsel zwischen ambulant und stationär stark begünstigt. Ich denke auch an pflegende Angehörige oder andere Bezugspersonen, die dank dem Angebot aus einer Hand viel einfacher Entlastung bekommen können, wenn sie Pflegebedürftige für zwei, drei Wochen in eine Institution geben. Wir meinen, dieses nahtlose Zusammenspiel zwischen ambulant und stationär ist sehr wichtig und nennen es «Mitten im Leben stehen».
Vollmer: Unser neuer Slogan bringt dies wirklich gut auf den Punkt: «Pflege und Betreuung aus einer Hand – von Mensch zu Mensch».



Bruno Vollmer präsidiert seit 2018 die Betriebskommission (strategisches Gremium) des Zweckverbands «Pflege und Betreuung Mittleres Tösstal». Er war von 2006 bis 2014 Mitglied der Rechnungsprüfungskommission Zell und ist seit 2014 Gesundheitsvorstand der Gemeinde Zell und Vorstandsmitglied der Spitex Zell.

Marcel Niederer ist seit Mai 2018 Präsident der Spitex Zell. Die 13 Mitarbeitenden stellen in der Gemeinde Zell die ambulante Grundversorgung sicher. Marcel Niederer ist selbstständiger Berater für Projekt- und Prozessmanagement sowie Rechnungswesen. Er war mehrere Jahr Mitglied und teilweise auch Präsident der Rechnungsprüfungskommissionen der Gemeinde Zell, der reformierten Kirchgemeinde Zell, des Jugendsekretariats Winterthur, des Schulpsychologischen Dienstes Winterthur, des Zweckverbands Abwasser mittleres Tösstal. Für verschiedene Organisationen hat er sich zudem im Vorstand engagiert.

Erich Pfäffli ist seit 2006 Präsident der Spitex Mittleres Tösstal, die mit 38 Mitarbeitenden die drei Gemeinden Turbenthal, Wila und Wildberg versorgt. Erich Pfäffli war von 2008 bis 2017 im Vorstand des Spitex Verbands Kanton Zürich, dabei von 2015 bis 2017 als Präsident. Zugleich von 2015 bis 2017 Mitglied im Vorstand von Spitex Schweiz. Von 2010 bis 2018 sass Erich Pfäffli im Gemeinderat von Turbenthal. Er präsidierte die Betriebskommission des Zweckverbands «Pflege und Betreuung Mittleres Tösstal» von 2014 bis 2018.

Martin Radtke schreibt Beiträge und Geschichten, die er gerne auf mehreren Plattform weitererzählt. Seit Anfang 2014 ist er selbstständiger Kommunikationsberater. Von 2009 bis 2015 war er Mitinhaber und Verwaltungsrat-Vizepräsident einer privaten Spitex-Organisation.

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