Neue Expertise für hochkomplexe Pflegesituationen

Die Spitex Zürich Sihl setzt Advanced Practice Nurses (APN) ein und entwickelt in einem wissenschaftlich begleiteten Projekt ein entsprechendes Berufs- und Rollenverständnis bei Spitex-Organisationen. APNs haben einen Masterabschluss und unterstützen Pflegefachpersonen fachlich mit erweiterten Kompetenzen. Was bringen solche «Super-Spitex-Fachleute»? Sehr viel, meint Projektleiter Peter Eckert: «Dank den APNs kann die Anzahl von Spitaleintritten reduziert werden.» Zudem verlange die zunehmende Komplexität von Pflegesituationen neue Ansätze im Spitex-Alltag. «Wir brauchen eine zusätzliche Pflegeexpertise», sagt Geschäftsleiterin Devrim Yetergil Kiefer. «Und die bekommen wir mit den APNs.»

Devrim Yetergil Kiefer, Geschäftsleiterin Spitex Zürich Sihl

Warum haben Sie angefangen, sich mit Advanced Practice Nurse (APN) zu beschäftigen?
Devrim Yetergil Kiefer: Der Ursprung liegt in der Spitex-Strategie der Stadt Zürich. Auf Stadtgebiet arbeiten drei Spitex-Organisationen als Label «Spitex Zürich» zusammen. Jede Organisation ist angehalten, sich mit innovativen Versorgungskonzepten auseinanderzusetzen.
Peter Eckert: Während meines Masterlehrgangs bei der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften ZHAW bin ich auf die Idee gekommen, die Rolle APN für eine Spitex-Organisation zu entwickeln. Ich habe mich umgeschaut, wer schon ähnliche Erfahrungen gemacht und was sich bewährt hat. Zunächst habe ich mir überlegt, was sich daraus lernen und für unsere Verhältnisse adaptieren lässt. Schliesslich ging es um die Frage, wie diese Rolle in die Spitex-Landschaft etabliert werden kann.

Projekt CASE – Umfassendere Unterstützung in komplexen Pflegesituationen
Mit dem Projekt CASE – Coordinated APN Support for the Elderly – geht die Spitex Zürich Sihl neue Wege. Das Projekt will ältere Menschen mit chronischen Leiden und kognitiven Beeinträchtigungen pflegerisch besser versorgen. Im Zentrum steht die Entwicklung und Etablierung sogenannter APNs, Advanced Practice Nurses, die dank ihrem Masterstudium in Pflegesituationen erweitertes, evidenzbasiertes Wissen einbringen können. Dies erlaubt zudem eine andere Zusammenarbeit mit Hausärztinnen und Hausärzten.
Das Projekt dauert von 2017 bis 2020 und wird wissenschaftlich begleitet. Von den Ergebnissen können alle Spitex-Organisationen profitieren.
http://bit.ly/SptxCASE

Wodurch unterscheidet sich eine Person mit APN-Abschluss von einer «normalen» Pflegefachperson?
Eckert: Eine APN hat einen akademischen Abschluss auf Masterstufe, während eine «normale» Pflegefachperson in der Regel einen HF-Abschluss, oder neuerdings auch einen Bachelorabschluss hat. Ein Masterabschluss erweitert die akademische Kompetenz. Im Alltag geht es darum, aktuelles akademisches Wissen in einen Fall einzubringen und es für die entsprechende Situation anzupassen. Wer einen APN-Abschluss hat, verfügt auch über erweiterte klinische Kompetenzen, beispielsweise bei körperlichen Untersuchungen und ethischen Entscheidungsfindungen.

Peter Eckert, Mitglied der Geschäftsleitung Spitex Zürich Sihl

Übernehmen APNs auch hausärztliche Aufgaben?
Eckert: Eine APN hat im Kern immer noch eine pflegerische Rolle. Sie übernimmt aber in guter Zusammenarbeit mit einer Hausärztin oder einem Hausarzt erweiterte Tätigkeiten und besucht Kunden zu Hause. In speziellen Situationen kann sie auch Medikamente verordnen, im Moment noch in Delegation einer Ärztin oder eines Arztes.
Yetergil Kiefer: Die Spitex sieht sich heute zunehmend mit komplexen Fällen konfrontiert: Die Bevölkerung wird älter und als Folge gibt es mehr Personen mit chronischen Krankheiten, mit Multimorbidität, mit kognitiven Beeinträchtigungen. Parallel dazu gibt es die Entwicklung «ambulant vor stationär» – auch dadurch steigt die Anzahl der komplexen Fälle. Als Spitex-Organisation müssen wir auf diese Entwicklung reagieren. Wir brauchen darum eine neue Pflegeexpertise. Und die bekommen wir mit den APNs.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen einer APN und den übrigen Pflegefachleuten?
Yetergil Kiefer: Die Pflegefachleute schätzen das erweiterte Wissen und die etwas andere Herangehensweise einer APN sehr. Sie wurden mit offenen Armen empfangen. Der Grund ist, dass es für diese Art der Pflegeexpertise tatsächlich einen Bedarf gibt.
Eckert: Die Fallverantwortlichen merken, dass sie in sehr komplexen Fällen einen Bedarf an fachlichem Support haben. In der Zusammenarbeit zwischen Pflegefachleuten und APN ist es nicht so, dass APNs immer sagen, was richtig und was falsch ist. Aber APNs sind die Personen, welche die richtigen Fragen stellen. Sie sind also keine Super-Nurses, die alles wissen! APNs sind da, um Situationen zu reflektieren und nochmals von einer anderen Seite anzuschauen. Darum ermöglichen APNs insgesamt bessere Lösungen.

Wie sieht die Zusammenarbeit in der Praxis aus?
Eckert: Die Fallführung bleibt bei der Pflegefachperson. Ist beispielsweise eine Situation besonders instabil, kann die Pflegefachperson eine APN um Hilfe bitten. In der Regel wird die APN dann in die Pflege eingeplant. Vor Ort macht sie sich ein eigenes Bild, klärt spezifische Fragen, macht eine erweiterte körperliche Untersuchung und bespricht ihre Beobachtungen allenfalls mit der Hausärztin, was zu einer Änderung bei den Medikamenten führen kann. Dies alles in Absprache mit und als Ergänzung zur diplomierten Pflegefachperson. Idealerweise stabilisiert sich die Situation nach einer gewissen Zeit und die APN zieht sich wieder zurück.

Spitex Schweiz hat in einem Faktenblatt festgehalten, wie eine APN in einer Spitex-Organisation eingesetzt werden sollte bzw. könnte. Aber es gibt noch keine gesetzliche Grundlage oder eine anerkannte Rolle, über die auch abgerechnet werden kann. Was bedeutet dies im Alltag?
Yetergil Kiefer: Als das Gesundheitsberufsgesetz neu aufgelegt wurde, hat man entschieden, die Masterstufe nicht zu regulieren. Als Folge gibt es nun keinen Titelschutz für APN. Ein geschützter Titel wäre die Basis für einen eigenen Tarif und damit für die Möglichkeit, selber abrechnen zu können. Ist eine APN im Einsatz, rechnet sie ganz normal nach KLV-Tarifen und Restkostenfinanzierung durch die Gemeinde ab. Tariflich ist die höhere Ausbildung leider noch nicht abgegolten. Das muss sich ändern: Denn ich bin überzeugt, dass bei sehr komplexen Fällen eine APN helfen kann, massiv Kosten zu sparen.
Eckert: Die Hoffnung liegt bei den Gemeinden. Der Stadt Zürich ist die Spitex sehr wichtig und wir bekommen deutlich mehr Unterstützung als andere Spitex-Organisationen von ihren Gemeinden. Aber das ist auch nötig, denn nur so können innovative Pflegekonzepte entwickelt und getestet werden. Nur wenn ausreichend Mittel zur Verfügung stehen, werden sich andere Gemeinden auch eine APN leisten können. Eine Alternative wäre vielleicht, dass eine APN für mehrere Spitex-Organisationen tätig ist. So könnten auch attraktive Jobs für APNs geschaffen werden.

Eine APN berät intern Kolleginnen und Kollegen; sie ist eine Art Fachmanagerin. Solche Leistungen lassen sich nicht weiterverrechnen…
Yetergil Kiefer: Das ist korrekt. Das interne Begleiten und Beraten ist eine wesentliche Tätigkeit einer APN. Das sind im Moment alles nicht verrechenbare Stunden. Hinzu kommen noch Kosten für die Projektarbeit, die zum Beispiel in Form von Datenerfassungen oder Auswertungen anfallen. Aber wir wollen nicht klagen: Wir sprechen hier von einem Entwicklungsprojekt, das entsprechend formuliert ist und auch wissenschaftlich begleitet und evaluiert wird. Die Kosten für die wissenschaftliche Begleitung finanziert die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich. Von den Erkenntnissen profitieren alle Spitex-Organisationen.

Was für einen Effekt hat der Einsatz einer APN?
Eckert: APNs tragen zu einem besseren Umgang mit einer chronischen Erkrankung bei. Dank dem Einsatz von APNs kann beispielsweise die Anzahl von Spitaleintritten reduziert werden. Das hat eine ZHAW-Studie nachgewiesen.
Yetergil Kiefer: Wir beobachten, dass die Anzahl Spitalaustritte mit Spitex als Anschlusslösung zunehmen. Hier kommt es immer wieder zu sehr instabilen Situationen, die gut von APNs gemeistert werden können.
Eckert: Zudem sehen wir, dass es immer mehr kognitiv Beeinträchtigte gibt, die alleine leben. Auch für solche Situationen brauchen wir zunehmend sehr gut qualifiziertes Personal mit erweiterten Kompetenzen.

Schauen wir in die Zukunft: Wie geht es weiter?
Yetergil Kiefer: Wir wollen unsere APN nach Projektabschluss behalten und nach Möglichkeit auch die Leistungen ausbauen. Ich wünsche mir, dass wir zusammen mit den Hausärzten in eine gute Kooperation kommen und auch der Mehrwert unserer APNs anerkannt wird. Das alles mit dem Ziel, dass wir unseren Kunden einen besseren Service und eine bessere Versorgung bieten können.
Eckert: Ich wünsche mir, dass mehr Personen den Pflegeberuf wählen und die APN-Rolle zur Attraktivität des Berufs beitragen kann. Zweitens hoffe ich, dass mehr APNs für die Spitex arbeiten. Schliesslich wünsche ich mir, dass in der Bevölkerung ein Bewusstsein entsteht, was die Pflege alles leisten kann und auch in der Beratung sehr kompetent ist.


Devrim Yetergil Kiefer ist seit 2015 Geschäftsleiterin der Spitex Zürich Sihl, davor führte sie das Unternehmen mehrere Monate interimistisch. Die knapp 400 Mitarbeitenden haben ihre Basis in vier Spitexzentren und betreuen rund 3000 Kundinnen und Kunden, die vor allem im südwestlichen Stadtgebiet leben. Von 2011 bis 2017 war Devrim Yetergil Kiefer Mitglied des Vorstands bei der Spitex Zürich Sihl.

Dr. Devrim Yetergil Kiefer, Dr. sc. Nat. ETH, lic. rer. pol., studierte Nationalökonomie und promovierte an der ETH Zürich in Umweltnaturwissenschaften mit Schwerpunkt Gesundheitsökonomie. Vor ihrem Engagement bei der Spitex gründete sie ein Management Consulting Unternehmen und die Green Power Marketing GmbH. Der Fokus lag beim umweltbezogenen Gesundheitsschutz und Projekten, die Umwelt- und Gesundheitsthemen verknüpften.

Peter Eckert ist seit 2016 Leiter Fach- Pflegeentwicklung und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Spitex Sihl Zürich. Seit 2005 ist er in verschiedenen Führungsfunktionen im Unternehmen.

Peter Eckert leitet das Teilprojekt Demenz der Spitex Zürich Strategie 2020, das im Auftrag der Stadt Zürich die Demenzpflege fachlich weiterentwickelt. Peter Eckert hat an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften Pflegewissenschaften studiert und 2015 den Masterstudiengang absolviert. Peter Eckert ist diplomierte Pflegefachperson mit jahrelanger klinischer Praxis.

Martin Radtke schreibt Beiträge und Geschichten, die er gerne auf mehreren Plattform weitererzählt. Seit Anfang 2014 ist er selbstständiger Kommunikationsberater. Von 2009 bis 2015 war er Mitinhaber und Verwaltungsrat-Vizepräsident einer privaten Spitex-Organisation.

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