Die Wohnung im Alter: Refugium und Identitätsfaktor

Auf dem ersten Platz der Wohnbedürfnisse von älterwerdenden Menschen in der deutschen Schweiz steht seit 2003 unangefochten «eine gemütliche Wohnung». Bei der Age-Wohnbefragung können auch andere Optionen gewählt werden wie: ruhige, kostengünstige oder hindernisfreie Wohnung. An erster Stelle steht jedoch für 65 % der Seniorinnen und Senioren in der deutschsprachigen Schweiz eine gemütliche Wohnung. Das zeigt, dass Wohnen ein wichtiges und emotionales Thema ist. Nicht die rationale Hindernisfreiheit liegt auf Platz 1, sondern die emotionale Gemütlichkeit. Gerade im hohen Alter, wenn der Körper fragiler wird, kommt der Wohnung als Rückzugsort eine hohe Bedeutung zu. Die Wohnung wird Teil der eigenen Identität; ihr Aussehen kann gestaltet werden und bleibt bestehen, während der eigene Körper immer mehr zerfällt. Das Leben in der eigenen Wohnung gibt hochaltrigen Menschen Halt, Sinn und Identität.

Dr. Antonia Jann, Geschäftsführerin
Age-Stiftung

Nach ihrer Hochzeit hatten sich meine Schwiegereltern mit ihrem ersten Geld ein Designerbett gekauft. Schön wohnen und sorgfältig eingerichtet sein, war für meine Schwiegermutter, die früher Fotografin war, zeitlebens wichtig. Wenn sie im hohen Alter auf der Strasse unterwegs war, sah sie zwar aus wie eine alte Frau mit einem Stock. Wenn sie jedoch in ihrer Wohnung Gäste bewirtete, wurde ein Teil ihrer Identität sichtbar.

Das Leben in der eigenen Wohnung bedeutet alten Menschen viel. Die Identifizierung mit der Wohnung und der Wohnumgebung ist in der Literatur gut erforscht und deren Bedeutung für die Erfahrung der eigenen Selbstwirksamkeit ist erwiesen. In der eigenen Wohnung kann man die Türe hinter sich schliessen und man hat man die Freiheit, zu tun und zu lassen, was man möchte. Dennoch kann das Aufrechterhalten eines mehr oder weniger selbstbestimmten Alltags für hochaltrige Menschen zu einer herausfordernden Aufgabe werden, die sie trotz Müdigkeit und Schmerzen täglich zu bewältigen haben. Dabei hilft ihnen die vertraute Umgebung aber auch ein vertrauter Tagesablauf – eine Routine.

Anpassung an neue Personen im eigenen Alltag erfordert auf beiden Seiten ein gewisses Verständnis

Dr. Antonia Jann

Wenn mit zunehmender Fragilität die Hilfe von externen Personen für die Haushaltführung oder Pflege notwendig wird, stellt dies eine Herausforderung für das Erleben der eigenen Selbstwirksamkeit dar. Erstens ist es ein Eingeständnis, dass man auf Hilfe angewiesen ist, zweitens unterbricht die Anwesenheit von fremden Personen die tägliche Routine. Diese Anpassung an neue Personen im eigenen Alltag erfordert auf beiden Seiten ein gewisses Verständnis. Die hochaltrige Person muss Vertrauen fassen zur Person oder zu den Personen, die sie unterstützen und diese wiederum müssen versuchen, sich so gut wie möglich in den Alltag der älteren Menschen einzufügen. Wenn es gelingt, dass die helfenden Personen als Teil des Beziehungsnetzes angenommen werden, fällt es älteren Menschen auch deutlich leichter Hilfe anzunehmen und gleichzeitig ihr Selbstwertgefühl zu wahren, wie Barbara Masotti in ihrem Artikel im Age Report 2019 beschreibt. Oftmals kollidiert der Dienstplan der professionellen Hilfe jedoch mit dem Alltag der hochaltrigen Personen und zerstört die Routine, die für die Bewältigung des Alltags wichtig ist. Wird die Alltagsroutine gestört, fühlen sich die Menschen nicht selten hilflos und ohnmächtig oder sogar von ihrer Umgebung entfremdet.

Umstellungen brauchen Zeit
Ich möchte nochmals meine Schwiegermutter als Beispiel nehmen, um die oben genannte Situation zu illustrieren. Sie fühlte sich in ihrer Wohnung sicher. Die Bewältigung des Alltags stärkte ihre Identität und illustrierte ihre Selbstwirksamkeit. Mit der Zeit aber war sie immer mehr auf Hilfe von aussen angewiesen – was sie sich ungern eingestanden hat. Nachdem ihr eine Bekannte eine Putzhilfe vermittelt hatte, brauchte es erstens Zeit und zweitens den Aufbau einer persönlichen Beziehung, bis die Putzfrau akzeptiert war und das System wieder gut funktionierte. Und als meine Schwiegermutter später regelmässig die Spitex brauchte, war sie froh, dass immer eine der Frauen vorbeikam, die sie von ihren regelmässigen Besuchen beim Spitexstützpunkt seit langem kannte. Auch hier war die Beziehung ein wichtiger Faktor, der das Verständnis förderte. Denn Verständnis brauchten auch die Spitex-Frauen, denen es nicht immer gelang, zur vereinbarten Zeit vor Ort zu sein. Aber immerhin erzählten sie, weshalb sie zu spät waren und sie meldeten sich, wenn die Verspätung ein gewisses Mass überschritt.

Dass meine Schwiegermutter die eigene Wohnung doch noch mit einem Zimmer im Altersheim eintauschen musste, hatte mit der Treppe zu tun, die irgendwann zu einem unüberwindbaren Hindernis geworden war. Trotz der institutionellen Umgebung blieben aber ihre Wohnbedürfnisse im Wesentlichen die gleichen: Die eigene Einrichtung war wichtig, das Bedürfnis die Türe schliessen zu können war zentral und der Wunsch, zu wissen, wer wann in die eigene Privatsphäre kommt, blieb ein wichtiges Thema. |


Quelle: Age Report IV, 2019 (erscheint 6.11.)


Antonia Jann ist seit der Gründung 2001 Geschäftsführerin der Age-Stiftung. Die Age-Stiftung fördert Wohn- und Betreuungsangebote fürs Älterwerden in der deutschsprachigen Schweiz. Um Breite und Vielfalt von Wohnmöglichkeiten zu unterstützen, investiert die Age-Stiftung in zukunftsfähige Projekte und informiert über gute Beispiele. Dr. Antonia Jann, Dr., lic. phil., leitete vor ihrem Engagement bei die Age-Stiftung den Verlag der Pro Senectute, davor arbeitete sie als Bereichsleiterin beim Migros Kulturprozent des Migros-Genossenschafts-Bunds MGB. Antonia Jann ist Verwaltungsrätin der Schützen Rheinfelden AG sowie der BSAGG BVG- und Stiftungsaufsicht beider Basel.

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