Jeder Mensch darf so lange zu Hause leben, wie es geht

«Bei der ambulanten Pflege können wir wählen, wen wir anstellen wollen», sagt Ralph Bürge, Geschäftsführer vom Lindenhof in Oftringen. Teil des Lindenhofs ist die Spitex Lindenpark. Schweizweit wurde die Spitex Lindenpark bekannt, weil die Gemeinde Aarburg für viele überraschend ihr und nicht mehr der bisherigen NPO-Spitex-Organisation den Leistungsauftrag zusprach. Der Fall beschäftigte in der Folge auch das Bundesgericht. Im Interview erklärt Ralph Bürge, wie es zum Auftrag kam und warum er hausintern auch eine Kindertagesstätte Kita unterhält.

Ralph Bürge, Geschäftsleiter Lindenhof, Oftringen

In zwei Sätzen: Was ist der Lindenhof in Oftringen?
Ralph Bürge: Den Lindenhof sehen wir als Gesundheitszentrum für vier Generationen. Wir sind Ansprechpartner für jede Form von Gesundheitsfragen – oder einfacher: Der Lindenhof ist da zum Helfen.

Was gehört alles zum Lindenhof?
Kern des Lindenhofs bilden das Hauptgebäude mit 81 Zimmern und ein Nebengebäude mit 33 Wohnungen. Im angrenzenden Grundstück gibt es weitere Häuser mit Mietwohnungen, die jedoch Investoren gehören. Hier sind wir Generaldienstleister. In den Wohnungen leben auch Menschen, welche die Nähe eines Gesundheitszentrums schätzen. Darunter gibt es solche, die an Multiple Sklerose erkrankt sind, oder Paraplegiker. Wer will, kann unsere Dienstleistungen buchen.

Was sind das für Dienstleistungen?
Ich nenne ein typisches Beispiel: Ein älteres Ehepaar lebt in einem Haus, die Hypothek ist längst abbezahlt. Beide brauchen Unterstützung. Wir sind mit der Spitex vor Ort, unsere Ergotherapie, Podologie und Physiotherapie machen Hausbesuche, der Mahlzeitendienst bringt das Essen, unsere Mitarbeitenden von der Hauswirtschaft putzen und der technische Dienst kümmert sich um den Garten. Wir machen alles, damit das Ehepaar zu Hause bleiben kann. Denn unser Credo lautet: Jeder Mensch darf so lange zu Hause leben, wie es geht.

Die jüngste Kundin ist 3 Monate alt, die älteste feierte vor 4 Monaten den 107. Geburtstag.

Ralph Bürge, Geschäftsführer Lindenhof

Sie haben erwähnt, dass im Lindenhof vier Generationen leben. Was bedeutet das?
Wir haben eine Kita mit momentan 58 Kindern. Etwa ein Viertel davon sind Kinder unserer Angestellten. Die Kita ist von morgens um 6.30 Uhr bis abends um 19.30 Uhr geöffnet. Dank der Kita konnten wir einige gut qualifizierte Mitarbeiterinnen behalten. Das jüngste Kind ist drei Monate alt. Die älteste Kundin feierte vor vier Monaten den 107. Geburtstag.

Zum Lindenhof gehört auch eine Spitex. Wie kam es dazu?
Vor einigen Jahren haben wir der Gemeinde und der öffentlichen Spitex das Angebot gemacht, die Spitex bei uns im Heim zu integrieren. Denn wir sind bereits während 24 Stunden an 365 Tagen da. Wir hätten die Gemeinde Oftringen versorgen wollen. Doch die Idee konnte nicht umgesetzt werden. Also haben wir eine eigene Inhouse-Spitex gegründet. Zuerst haben wir nur die angegliederten Pflegewohnungen betreut. Bald kam der Wunsch auf, dass wir unsere Spitex-Dienstleistungen in den Wohnungen der Investoren anbieten sollten. Das untersagte die Bewilligungsbehörde, weil diese Wohnungen nicht zum Lindenhof gehören. Wir beschlossen, eine «normale» Spitex zu gründen. Anfänglich verweigerte der Kanton die Bewilligung mit der Begründung, Oftringen habe ja schon eine Spitex. Schliesslich wurde die Bewilligung doch erteilt. Mittlerweile sind wir so gewachsen, dass wir in den Kantonen Aargau, Bern und Solothurn tätig sind. Bald kommt auch noch der Kanton Luzern dazu.

Es gibt Vorwürfe, Ihre Spitex-Organisation leiste nicht die geforderte Qualität. Was entgegnen Sie?
Das ist haltlos. Wenn unsere Qualität nicht stimmen würde, wären wir in so kurzer Zeit nicht derart gewachsen.

Wie sichern Sie die Qualität?
Hier im Lindenhof haben wir ein umfassendes Aus- und Weiterbildungsangebot, das alle Mitarbeitenden besuchen. Es entsteht eine einmalige Expertise in der Langzeitpflege – sowohl in der ambulanten wie in der stationären.

Wir bilden mehr Nachwuchs aus, als wir müssten.

Ralph Bürge, Geschäftsführer Lindenhof

Sind Sie auch Ausbildungsbetrieb?
Natürlich! Wie jede andere Organisation gilt auch für uns im ambulanten Bereich die Ausbildungsverpflichtung. Bis jetzt haben wir jedes Mal die Vorgaben übererfüllt. Wir bilden also mehr Nachwuchs aus, als wir müssten.

Sie haben den Zuschlag für die Leistungsaufträge der Gemeinden Aarburg und Holziken erhalten. Wie kam es dazu?
Die Gemeinden kamen auf uns zu, weil sie andere Lösungen wollten. Es ging um Qualität, vor allem aber auch ums Thema Finanzierung. Ich habe berechnet, was eine KLV-Stunde bei uns kosten würde. Es hat sich gezeigt, dass die Restkosten bei uns rund halb so teuer wären wie bei unseren Mitbewerbern. Das war ausschlaggebend. Die Gemeinde Aarburg hat zudem eine deutliche Leistungssteigerung erfahren. Gegenüber vorher bieten wir nun Leistungen während 24 Stunden an.

Wie stellen Sie den 24-Stunden-Service sicher?
Unsere Spitex hat Einsätze von morgens um 6 Uhr bis nachts um 1 Uhr. Die Zeit zwischen 1 Uhr und 6 Uhr deckt die Nachtwache hier im Lindenhof ab. Dafür haben wir die Nachtwache mit HF-Personal aufgestockt. Im Notfall rückt eine bestens qualifizierte Person aus.

Wir liefern gute Qualität zu einem ehrlichen Preis.

Ralph Bürge, Geschäftsführer Lindenhof

Wieso können Sie die Leistungen so viel billiger anbieten? Sind das Dumpingpreise?
Die Frage müsste heissen: Warum waren die anderen so viel teurer? Und diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Es sind ganz bestimmt keine Dumpingpreise, die wir verlangen. Wir sind auch keine Wald- und Wiesenspitex, die keine anständigen Löhne zahlt. Sonst hätten wir nicht so viele Mitarbeitende, die zu uns kommen wollten. Wir liefern eine gute Qualität zu einem ehrlichen Preis.

Es gab auch eine öffentliche Diskussion wegen der hauswirtschaftlichen Leistungen. Können Sie das nochmals erklären?
Unsere Hauswirtschaft leistet zu kostendeckenden Tarifen Einsätze. Es sind 50 Franken in der Stunde. Wer diese Leistung braucht, muss sie bezahlen. Gibt es eine ärztliche Verordnung, bezahlt die Krankenkasse. Ist bei der Kasse das Maximum ausgeschöpft und die Person braucht die Leistung weiterhin, dann zahlt die Gemeinde. Das ist vertraglich so geregelt. Damit bezahlt der Steuerzahler erst, wenn sämtliche anderen Quellen ausgeschöpft sind. Für mich ist das fair und logisch. Denn ich bin auch Krankenkassenprämienzahler und auch Steuerzahler.

Was für Personal setzen Sie für die Hauswirtschaft ein?
Es sind die gleichen Mitarbeitenden, die hier im Lindenhof arbeiten. Sie verwenden genau die gleichen Geräte und Putzmittel. In einem Heim gelten strengere Hygienevorschriften als in einem Privathaushalt. Es gibt Beispiele, dort ging die Vorgängerorganisation wöchentlich für 29 Franken hin. Wir sind nur noch alle zwei Wochen vor Ort – und haben damit schon 8 Franken je Kunde gespart. Die Kunden sagen überdies, es sei nun sauberer als vorher.

Bei der ambulanten Pflege können wir auswählen, wen wir anstellen wollen.

Ralph Bürge, Geschäftsführer Lindenhof

Stichwort «Fachkräftemangel». Wie sieht es da bei Ihnen aus?
Das ist im Moment kein Thema. Bei der ambulanten Pflege können wir auswählen, wen wir anstellen wollen. Die jüngeren wie auch die älteren Mitarbeitenden sind begeistert von unserem Konzept. Sie schätzen, dass sie sowohl stationär wie auch ambulant arbeiten können. Im Vergleich zu anderen Organisationen sind bei uns relativ hohe Arbeitspensen möglich. Das gibt eine gute Auslastung und alle lernen viel.

Wenn ich beim Lindenhof angestellt bin, arbeite ich also nicht nur für die Spitex oder fürs Heim, sondern für beide. Gibt es auch Mitarbeitende, die nur für die Spitex arbeiten wollen?
Ja, es gibt ein paar, die wollen nur ambulant unterwegs sein. Doch mit unserem Konzept decken wir allfällige Engpässe bestens ab: Haben wir beim stationären Personal einen Engpass zum Beispiel wegen Krankheit, kommen Spitex-Mitarbeitende und helfen aus, umgekehrt ist das natürlich auch der Fall. Auch die Lernenden können switchen, damit sie ambulant und stationär kennenlernen. Diese Arbeitsweise gibt einen Mix an Fällen und einen Mix der Berufe. Das ist toll und macht den Beruf attraktiv.

Bald, bald ist Weihnachten. Sie haben drei Wünsche frei. Was wünschen Sie sich von der Lokalpolitik?
Ich wünsche mir von der Lokalpolitik, dass sie den Protektionismus, den sie betreibt, mehr hinterfragt. Es ist schön, wenn man sich um etwas kümmert und es bewahren will. Aber man muss auch offen sein für Neues.

Was für Ihre Kunden?
Dass es ihnen noch lange so gut wie möglich geht und dass sie ihr Leben dank unseren Dienstleistungen noch lange geniessen können.

Der letzte Wunsch ist für Ihre Mitarbeitenden…
Ihnen wünsche ich, dass es ihnen gut geht. Dazu leisten wir einen Beitrag auch mit unserem eigenen Coach und Supervisor. Unsere Mitarbeitenden sollen sich wohl fühlen bei uns. |


Ralph Bürge, ist seit 2008 Geschäftsführer im Lindenhof in Oftringen AG. Das Unternehmen beschäftigt rund 220 Mitarbeitende und betreut insgesamt 145 Kundinnen und Kunden stationär und rund 700 ambulant. Der Umsatz beträgt rund CHF 16 Mio. Die Spitex Lindenpark ist Teil des Lindenhofs und gehört in ihrem Einzugsgebiet zu den grössten Spitex-Organisationen. Sie ist in den Kantonen Aargau, Bern und Solothurn tätig, bald auch im Kanton Luzern.
Vor seinem Engagement beim Lindenhof war Ralph Bürge selbstständig erwerbend und Gemeinderat von Oftringen.
Ralph Bürge hat eine technische Grundausbildung, liess sich zum Innenarchitekten weiterbilden und verfügt über ein Heimleiterdiplom. Er erlangte an der Evangelischen Hochschule Darmstadt im Rahmen des Progamms EuroDir das Diplom Direktor von sozialen Institutionen.


Martin Radtke schreibt Beiträge und Geschichten, die er gerne auf mehreren Plattform weitererzählt. Seit Anfang 2014 ist er selbstständiger Kommunikationsberater. Von 2009 bis 2015 war er Mitinhaber und Verwaltungsrat-Vizepräsident einer privaten Spitex-Organisation.

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