«Mir ist wichtig, dass die Spitex nicht privatisiert wird»

«Der Zweckverband Spitex Thurgau Nordwest segelt im Moment durch raue See: Vier von sieben Gemeinden haben letzten Dezember den Vertrag gekündet, zwei steigen definitiv aus und beauftragen eine private Spitex-Organisation, die Leistung zu erbringen. Damit sollen Kosten gespart werden. Auch beim Zweckverband geht man über die Bücher und hat bereits erste Fortschritte gemacht. «Ich bin sicher, dass wir am Ende gestärkt aus dem Prozess hervorgehen», sagt Roger Forrer, Präsident vom Zweckverband Spitex Thurgau Nordwest. Er hat im August das Ruder übernommen. Die Vertragskündigungen haben Mitarbeitende und Klientinnen und Klienten verunsichert. «Doch die Qualität unserer Arbeit war nie in Frage gestellt worden», betont Betriebsleiterin Esther Bucher.

Roger Forrer, Präsident Zweckverband Spitex Thurgau Nordwest

Vier von sieben Gemeinden haben letzten Dezember den Vertrag gekündigt und wollen aus dem Zweckverband austreten. Was sind die Hintergründe?
Roger Forrer: Im Vergleich mit anderen, etwa gleich grossen Spitex-Organisationen im Kanton Thurgau sind bei uns die Finanzen etwas aus dem Ruder gelaufen. Konkret sind die Restkosten, die hier die Gemeinden bezahlen müssen, immer mehr gestiegen. Gründe dafür sind die Einführung der Bezugspersonenpflege und dass wir ausgewiesene Fachleute in allen Fachbereichen angestellt sowie eine Fachstelle für Qualität und Entwicklung analog einer Pflegeexpertin beschäftigen. Es hat sich gezeigt, dass die Organisation zu wenig gross ist für diese fachlich hochstehende personelle Besetzung. Zwei Gemeinden haben gekündet und mitgeteilt, es läge bereits eine Offerte einer privaten Spitex-Organisation auf dem Tisch, die günstiger sei. In der Folge haben die Stadt Steckborn und die Gemeinde Mammern den Vertrag ebenfalls vorsorglich gekündet. Wenn zwei von sieben ausscheren und die Kündigungsfrist zwei Jahre beträgt, wollte man sicher gehen, dass am Ende die verbleibenden Gemeinden die ganze Last schultern müssen.

Seit August präsidieren nun Sie den Zweckverband. Was waren Ihre ersten Aufgaben?
Roger Forrer: Ich habe das Präsidium übernommen, weil mir wichtig ist, dass die Spitex nicht privatisiert wird. Schon vor meinem Antritt hatte die Betriebskommission beschlossen, den Betrieb extern zu durchleuchten. Diese Arbeiten sind noch im Gang. Für mich habe ich die Zahlen auch angeschaut und war überzeugt, dass es tatsächlich noch Luft nach oben gibt. Nach meinem Amtsantritt habe ich mit den Mitarbeitenden und den Gemeinden das Gespräch gesucht. Mir war wichtig, gegenüber den Mitarbeitenden meine Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen. Und gegenüber den Gemeinden habe ich erklärt, dass wir weitermachen.

Esther Bucher, Betriebsleiterin Zweckverband Spitex Thurgau Nordwest

Hatten Sie erwartet, dass die Verträge gekündet werden?
Esther Bucher: Nein, das kam völlig überraschend. Wir waren vor den Kopf gestossen, es war eine schwierige Zeit. Sie hat bei den Mitarbeitenden eine grosse Unsicherheit ausgelöst. Einige, leider auch sehr gute, haben sich entschieden, das Unternehmen zu verlassen. Ihnen hat die Perspektive gefehlt. Ich habe die Mitarbeitenden immer offen informiert. Bei den Informationsveranstaltungen habe ich betont, dass die Mitarbeitenden einen guten Job gemacht hätten und ihn auch jetzt noch machen. Die Arbeitsqualität stand nie in Frage – und war auch nicht der Grund für die Vertragskündigungen.
Roger Forrer: Sofort nach den Vertragskündigungen haben die Mitarbeitenden selber nach Sparpotenzial gesucht. Bereits seit Mitte Jahr gibt es substanzielle Verbesserungen. Unser Budget fürs Jahr 2020 rechnet mit zwanzig Prozent tieferen Kosten gegenüber 2019. Das hat dazu geführt, dass Steckborn und Mammern im September zugesagt haben, weiter beim Zweckverband Spitex Thurgau Nordwest mitzumachen. Das ist ein wichtiges Zeichen. Jetzt können wir weiter planen und auch wieder unbefristete Stellen ausschreiben.

Geografisch arbeitet der Zweckverband Spitex Thurgau Nordwest in einem besonderen Gebiet…
Roger Forrer: Das ist in der Tat so. Wir sprechen manchmal von der «Bratwurst», weil unser Geschäftsgebiet mit etwas Phantasie so aussieht. Im Norden begrenzt uns der Rhein und der Kanton Schaffhausen oder der Bodensee und Deutschland, westlich und südlich liegt der Kanton Zürich. Nur im Osten ist immer noch der Kanton Thurgau.

Der mittlere Teil der «Bratwurst», um beim Bild zu bleiben, wird ab 2021 von einer privaten Organisation versorgt. Wie anspruchsvoll ist das betrieblich?
Roger Forrer: Es gibt in Diessenhofen und in Steckborn je einen Stützpunkt und das bleibt auch so. Betrieblich können wir die beiden Enklaven gut führen. Das wird bestens funktionieren.

Spitex-Organisationen sind im Kanton Thurgau häufig als Vereine organisiert. Was waren die Überlegungen, die zur Gründung eines Zweckverbandes geführt haben?
Esther Bucher: Bei der Fusion 2013 wurde über die Rechtsform eingehend diskutiert. Ein Verein kam für die Gemeinden nicht in Frage. Zur Debatte standen eine Aktiengesellschaft oder ein Zweckverband. Am Ende hat sich die Meinung durchgesetzt, dass ein Zweckverband die richtige Rechtsform sei. Am Anfang sassen Fachpersonen und Gemeindevertreterinnen und -vertreter in der Betriebskommission. Doch mit der Zeit wurde deutlich, dass dies nicht optimal ist.

Warum?
Roger Forrer: Die Betriebskommission traf sich vierteljährlich, alle Gemeindevertreterinnen und -vertreter zweimal jährlich. Das führte zwangsläufig zu einem Informationsungleichgewicht. Das war ungut. Als ich das Präsidium übernommen habe, haben wir sofort alle Gemeinden eingeladen, an den Betriebskommissionssitzungen teilzunehmen. Wenn auch nur als Gäste. Die Betriebskommission hat relativ viel Kompetenzen. Da müssen die Gemeinden einfach näher am Geschehen sein. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich Stadtpräsident von Steckborn war, und unsere Vertreter von der Delegiertenversammlung berichteten. Ich fand es sehr anspruchsvoll, jeweils die Tragweite aller Entscheide zu erkennen, wenn man sich nur zweimal im Jahr intensiv mit einer Organisation auseinandersetzt.

Steht die Rechtsform zur Diskussion?
Roger Forrer: Ende nächstes Jahr müssen wir die Statuten sowieso anpassen. Wenn es gewünscht wird, können wir auch über die Rechtsform diskutieren. Doch das scheint mir im Moment nicht matchentscheidend.

Schauen wir noch etwas weiter nach vorne: Wo steht Ihre Organisation in drei bis fünf Jahren?
Roger Forrer: Der Zweckverband Spitex Thurgau Nordwest steht auf gesunden Beinen, ist für Gemeinden bezahlbar, hat zufriedene Mitarbeitende und erbringt eine gute Qualität. Vor allem haben auch die Klientinnen und Klienten die Sicherheit, dass es uns gibt und wir kommen, wenn sie Unterstützung brauchen.

Planen Sie in Zukunft, auch neue Dienstleistungen anzubieten?
Roger Forrer: Wir machen jetzt einen Schritt um den andern. Zunächst warten wir ab, was die externe Untersuchung bringt. Sobald das Ergebnis vorliegt, müssen wir entscheiden, was umsetzbar ist und was nicht. Dann bereiten wir die Übergabe an die private Spitex-Organisation vor, die ab Januar 2021 die Gemeinden Eschenz und Wagenhausen versorgt. Hier hat es bereits erste Gespräche gegeben. Wir können uns vorstellen, dass neue Langzeitpatientinnen und -patienten bereits früher durch die neue Organisation betreut werden. Dies würde verhindern, dass beim Jahreswechsel für diese Klientinnen und Klienten auch die Organisation wechselt. Ob und wie das umsetzbar ist, muss sich weisen. Für uns stellt sich im Moment die Frage nach weiteren Dienstleistungen nicht. Andere Themen sind aktueller.
Esther Bucher: Für eine öffentliche Spitex-Organisation gibt es gar nicht mehr so viele Möglichkeiten für neue Angebote, denn wir bieten bereits jetzt alles aus einer Hand an. Es sind dies Akut- und Übergangspflege, ambulante Psychiatrie, Palliative Care und so weiter. Für die Akut- und Übergangspflege sowie in palliativen Situationen wird ein Pikettdienst angeboten. Bei allen Gesprächen mit den Gemeinden ist bis jetzt nie der Wunsch gekommen, das Angebot auszubauen.

Bei Ihnen hat die Politik stark reagiert, aus Kostengründen verlassen zwei Gemeinden den Zweckverband. Wird dieses Beispiel auch woanders Schule machen wird?
Roger Forrer: Das glaube ich nicht. Unser Zweckverband wurde 2013 gegründet. Dass jetzt die Zusammenarbeit nochmals überprüft wird, scheint mir normal. Ich hätte mir gewünscht, dass wir früher die Gespräche geführt hätten, die wir jetzt führen. Damit hätten wir Unsicherheit bei den Mitarbeitenden und den Klientinnen und Klienten vermeiden können. Doch jetzt ist es anders gekommen. Ich bin sicher: Am Ende werden wir gestärkt aus diesem Prozess hervorgehen. |


Roger Forrer ist seit August 2019 Präsident des Zweckverbands Spitex Thurgau Nordwest, der seit 2013 für sieben Gemeinden Spitex-Dienstleistungen erbringt und rund 15‘000 Einwohnerinnen und Einwohner versorgt. Vier Gemeinden haben im Dezember 2018 bekannt gegeben, dass sie den Vertrag vorsorglich per Ende 2020 künden. In den Gemeinden Eschenz und Wagenhausen soll ab 2021 eine private Spitex-Organisation die ambulante Grundversorgung sicherstellen.
Roger Forrer war von 2011 bis im Mai 2019 Stadtpräsident von Steckborn. Von 2004 bis 2010 war er Kantonsrat im Thurgauer Gross Rat, von 2007 bis 2012 Präsident der Katholischen Kirchgemeinde Steckborn.

Esther Bucher leitet seit 2013 den Zweckverband Spitex Thurgau Nordwest als Betriebsleiterin operativ. Die Non-Profit-Organisation beschäftigt rund 50 Mitarbeitende.
Esther Bucher leitete nach 12 Jahren Auslandaufenthalt ab 2004 die Spitex Bezirk (Region) Diessenhofen als Geschäftsleiterin. 2006 folgte die Fusion mit dem Spitexverein Basadingen-Schlattingen und im Jahr 2013 der Zusammenschluss zum Zweckverband Spitex Thurgau Nordwest.


Martin Radtke schreibt Beiträge und Geschichten, die er gerne auf mehreren Plattform weitererzählt. Seit Anfang 2014 ist er selbstständiger Kommunikationsberater. Von 2009 bis 2015 war er Mitinhaber und Verwaltungsrat-Vizepräsident einer privaten Spitex-Organisation.

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